Die erschreckende Welt der Gesichtserkennung- Teil 2


Alte, längst vergessene Kinderbilder werden genutzt um Algorithmen zu trainieren.

Diese Woche geht es weiter mit Teil 2 unserer kleinen Halloween- Horrorreihe zum Thema Gesichtserkennungen. Wer Teil 1 noch nicht gelesen hat, findet diesen hier. Heute finden wir uns nicht in den rauen Südstaaten und in den Fängen der Gehilfen der Firma Google wieder, sondern in einem beschaulichen Städtchen in Illinois. Horrorgeschichten aus den Regionen des (erweiterten) mittleren Westens drehen sich in der Regel um abgelegene Farmen und unbekanntes Grauen in undurchdringlichen Maisfeldern.

Doch die Geschichte, die wir heute erzählen wollen, braucht nicht den Schauder der Abgeschiedenheit, sie könnte überall spielen. In einer Zeit bevor Privatheit und Datenschutz im Internet ein großes Thema war, posteten dort viele Menschen ohne größere Rücksicht Bilder ihrer kleinen Kinder, vor allem etwa auf der damals beliebten Foto-Plattform Flickr. Unerfahren und unbedacht wie diese Familien waren, war Ihnen nicht bewusst, dass das Internet nie vergessen würde.
Dennoch waren Sie aber auch nicht vollkommen naiv und sie nutzen die Möglichkeit ihre Bilder dort nicht der kompletten Öffentlichkeit preiszugeben. Diese „Jugendsünden“ aus den frühen Tagen des Internets hatten Sie bald vergessen und so staunten Sie nicht schlecht, als Sie über ein Jahrzehnt später bemerkten, dass die Bilder ihrer mittlerweile erwachsenen Kinder nicht irgendwo in den verstaubten Speichern der Plattform in Vergessenheit geraten waren, sondern sich auf einmal ganz woanders befanden. Wie in einem mittelmäßigen Horrorfilm wurden sie auf einmal mit den „Sünden“ ihrer Vergangenheit konfrontiert. Doch es war kein Killer der ihnen mitteilte er wisse was sie letzten Sommer getan hätten.
Vielmehr sahen Sie sich einem Datenmonstrum mit dem einschüchternden Namen „MegaFace“ gegenüber, die sich die Bilder ihrer Kinder einverleibt hatte. Und auch dieses Monstrum hatte nur ein Ziel: Bilder sammeln, um die gefräßigen Algorithmen der Gesichtserkennung zu trainieren. Die Familie aus Illinois war nicht die einzige, die sich auf einmal mit dieser schrecklichen Realität konfrontiert sah.
Etwa 700.000 Menschen waren betroffen vom Diebstahl ihrer Fotos. Vergessene Momente aus der Vergangenheit waren auf einmal Futter für die neuen Funktionen von Google und co.
Gefragt hatte Sie niemand.

Auch heute haben wir uns diese Geschichte nicht ausgedacht. Wer die gesamte, deutlich umfangreichere Story in nachlesen will, kann dies in der New York Times. Vielleicht denken Sie sich nun auf den ersten Blick, ja gut, dass das Internet nie vergisst weiß man mittlerweile. Erschreckend ist jedoch, wie zum Zwecke der Verbesserung der Gesichtserkennung die Privatsphäre tausender oder Millionen von Menschen verletzt wird und deren Bilder unwissentlich genutzt werden. Herunterladen kann sich die gigantische Fotodatenbank MegaFace nämlich jeder.
Und Handy Entsperrung per Gesichtsscan ist nicht der einzige Grund wozu diese Technologie genutzt wird. Totalitäre Regime nutzen Sie etwa in Russland und China um politisch verfolgte zu überwachen oder Dissidenten oder anderweitig unliebsame Menschen zu identifizieren und anzuprangern.
Und das alles mit der Hilfe unschuldiger Kindergesichter, deren Eltern die Auswüchse des Internets vor über einem Jahrzehnt natürlich noch nicht erahnen konnten. Eine Vorstellung die uns gruseln lässt.
Wie steht es mit Ihnen?